Ausziehen oder Bleiben?

Ein Mann bei mir in der Praxis. Mitte 40. Er liebt seine Frau. Sie haben ein Kind und eigentlich läuft alles gut. Er sei voll funktionsfähig - er hätte keine Erektionsschwierigkeiten versichert er mir bereits nach 10 Minuten. Sein Thema, sei kein Körperliches sondern eher der Wunsch nach mehr Freiraum in der Beziehung. Wie viel Freiraum frage ich ihn. Er seufzt auf. Er kommt von der Arbeit nach Hause, kaum Luft geholt, würde seine Frau endlos mit ihm sprechen wollen, Aufträge verteilen, Urlaube planen, Schulprobleme besprechen, über ihre Wechseljahre sprechen wollen. Er würde dann manchmal auf die Toilette flüchten. Dort sei er sicher vor seiner Frau und seinem Sohn. Ruhe - nur der kleine Raum und er. Manchmal noch die Bundesliga auf seinem Handy. Er mag die Toilette.

Ich frage ihn, wie er sich denn sein Leben im Idealfall vorstellen würde. Der Mann schaut mich an und hat sofort eine Antwort parat. Wie aus dem Gewehr geschossen kommt: Ich würde in ein Haus ziehen mit zwei abschließbaren Wohnungen. Man sieht sich, wenn man sich wirklich sehen will. Unser Sohn könne bequem hin und her wandern und ich würde endlich wieder Raum für mich haben.

Und wie könnten Sie das schaffen, ohne gleich auszuziehen, frage ich ihn.

Er überlegt. Schnauft. Legt den Kopf schief. Hm, sagt er, ich weiß es ehrlich gesagt nicht. So wie es momentan läuft, verspüre ich nur noch Enge. Ich habe auch nicht mehr so viel Lust wie früher. Ich sehe in meiner Frau nur noch die Super Multi Task Woman, die alles managed. Ich muss funktionieren, ständig präsent sein, immer ein offenes Ohr haben, sie verstehen und begehren. Aber ich bin müde und kann kaum noch atmen, ohne dass sie mich fragt, was ich gerade tue.

Ich kann den Mann hören und frage ihn.

Wann haben Sie das letzte Mal Nein gesagt?

Er kann sich nicht wirklich erinnern.


Es ist eine Kunst NEIN zu sagen, wenn man schon ganz lange Ja gesagt hat. JA zu all den Dingen, die man eigentlich nicht möchte. JA zu all den langweiligen Familienfeiern, JA zu Urlauben in häßlichen Clubanlagen und JA zum Wochenendbesuch der doofen Freundin der Frau. JA zum Sex, der einen nicht mehr antörnt. Und das über Jahre. Aus dem JA ist ein langes langweiliges JAAAAAAAAAAAAAAAA geworden.


Ich frage ihn, ob er Lust hätte, die JA´s, die eigentlich ein NEIN sein sollten zu sammeln. Aufzuschreiben. Ohne sie zu analysieren. Er tut es. Eine Woche lang.

Er kommt mit einer langen Liste zurück. So viele falsche JA´s. Er wundert sich über sich selbst. Hätte das nie gedacht und beginnt zu begreifen.

Über die nächsten Wochen beginnt der Mann wieder NEIN zu sagen. Er steckt seine Grenzen neu ab. Er wird auf einmal transparent. Seine Frau ist zunächst verwirrt und verunsichert. NEINs schaffen Distanz in einer Beziehung - aber eben auch Räume, wo wir den anderen wieder sehen und neu entdecken können.


Ganz ohne Umzugskosten.








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Jana Welch, Sexologin M.A.

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